Wie Vollbüttel (wieder) zu einer Turmuhr kam

Man behauptet ja, der Flügelschlag eines Schmetterlings könne den Lauf der Welt verändern, denn Alles hänge mit Allem zusammen was auch immer passiert. Wir werden dies wohl nicht beweisen können. Manchmal aber geschehen Dinge, da kommt man doch ins Grübeln.

Als im Juli 2013 das Dach des Kinomuseums durch einen Hagelsturm schwer beschädigt wurde lag der Fokus darauf, diesen Schaden schnellstmöglich zu beheben. Natürlich war und ist das Museum gegen derartige Schäden versichert. Allerdings gehört es leider nicht zu den erklärten Zielen einer Versicherung ihre Versicherungsnehmer glücklich zu machen, was in umgekehrter Richtung wohl ebenfalls zutrifft. Jedenfalls bedurfte es einer Zeit von knapp drei Jahren und viel beschriebenen Papiers, bis endlich Bewegung in die Sache kam und die Arbeiten begannen.

Das Gebäude war noch eingerüstet, das Dach schon neu eingedeckt, und die Vorbereitungen für das alljährliche Freiluftkino waren in vollem Gange. Der Film dieses Jahres 2016 sollte „Zurück in die Zukunft sein“. Wie immer zu solchen Anlässen lief die „Ideenmaschine“ auf vollen Touren. Schließlich gehörte es seit Anbeginn zur Tradition des Vollbütteler Freiluftkinos, die Besucher mit außergewöhnlichen Dekorationen zu überraschen. Da in diesem Film eine durch Blitzeinschlag stehengebliebene Rathausuhr von besonderer Bedeutung war, drängte sich der Gedanke förmlich auf, den Siloturm des Museums mit einem großen Zifferblatt zu schmücken. Und wie im Film sollten die Zeiger auf genau vier Minuten nach zehn Uhr stehen geblieben sein. Die Zeit für dieses Vorhaben drängte, denn der Abbau des Gerüstes sollte nur noch eine Frage von Tagen sein.

Aber so einfach ist es dann doch nicht, ein Zifferblatt von immerhin 1,75m Durchmesser anzufertigen und dann in etwa 13m Höhe sicher und dauerhaft anzubringen. Sicher befestigt musste es schon sein um Unfälle zu verhüten. Dauerhaft allein deshalb, weil es sich doch eine umfängliche und mühevolle Arbeit handelte, die das Gebäude auf längere Zeit schmücken sollte. Und nun, da der Entschluss feststand so etwas zu bauen – warum nicht gleich eine spätere Inbetriebnahme vorbereiten? Wie gut, dass man nicht von vornherein weiß, worauf man sich mit manchen Projekten einlässt!

Die Tragekonstruktion des Zifferblattes war bald konstruiert und zusammengeschweißt. Das Zifferblatt entstand aus zwei Hälften, da eine Platte in den erforderlichen Maßen nicht zur Verfügung stand. Nun sollte das Blatt gestaltet werden. Als Vorlage diente ein Foto der „Filmuhr“, Farben, Pinsel und alle erforderlichen Utensilien standen bereit.

Dass die Tage in diesem Sommer recht heiß waren, war einerseits recht vorteilhaft für das Projekt. Die Farbe trocknete einfach schneller. Andererseits lief der Schweiß in Strömen und als im Zuge einer fröhlichen Party nebenan im Raiffeisengebäude die Lautstärke merklich anstieg, wurde die Konzentration auf eine harte Probe gestellt. Und so prangte dann unversehens an Stelle der römischen Zahl „IX“ eine „XI“ auf dem Zifferblatt.

Das ist dann so ein Moment, wo es ausgesprochen vorteilhaft ist, wenn keine kleinen Kinder in der Nähe sind!

Nun gut, es war wie bereits angemerkt sehr heiß, und auch die Farbe der eilends vorgenommenen Korrektur trocknete schnell. Bereits am nächsten Tag konnte das Blatt mit vereinten Kräften und dank des noch vorhandenen Gerüstes erstaunlich problemlos an der Fassade des Siloturmes montiert werden. Alle Beteiligten hatten die Montage gut vorbereitet und präzise gemessen.

Jetzt fehlten nur noch die Zeiger um die Illusion perfekt zu machen. Der Ehrgeiz verlangte es, sie nach Möglichkeit so zu konstruieren, dass man sie später einmal in Betrieb setzen könnte. Wiederum stellte sich heraus, dass es nicht von ungefähr Berufe gibt, die man zunächst einmal erlernen muss. Aber manches ergibt sich dann auch von selbst, wenn die Herausforderung erst einmal angenommen ist. So entstanden auf Werkbank und Drehbank zunächst die Zeiger, dann die Nabe und schließlich eine funktionsfähige Hohlwelle – überwiegend aus vorhandenem Material, denn das war wenigstens vorhanden, im Gegensatz zum Geld. Das war und ist nämlich meistens nicht vorhanden.

Inzwischen hatte sich eine weitere Schwierigkeit ergeben: Unser schönes Gerüst war weg! Die Gerüstbaufirma hatte es in der Zwischenzeit abgebaut. Wie sollten jetzt die Zeiger montiert werden?

Das Zeigerpaar mit einem Seil nach oben zu hieven war die geringere Schwierigkeit, aber die Zeigerwelle musste doch noch durch das zentrale Loch des Zifferblattes. Aber auch hierfür fand sich eine Lösung. Es wurde einfach ein zweites dünnes Seil mit Hilfe eines Schlauches auf der Minutenwelle befestigt. Dieser führte durch das zentrale Loch des Zifferblattes und „mit Geduld und Spucke“ gelang es, die Welle durch das Loch „einzufädeln“.

Als dann das Freiluftkino begann, prangte auf der Silofassade unser Zifferblatt und die Zeiger standen auf vier Minuten nach zehn Uhr. Eben so, als habe gerade der Blitz eingeschlagen! Und auf der Leinwand bemühten sich Marty McFly und Doc Emmett L. Brown erfolgreich darum, Dinge zu korrigieren die in der Vergangenheit ziemlich schiefgelaufen waren. Wer von uns hätte nicht insgeheim den Wunsch verspürt, dies ebenso tun zu können?

Die Jahre gingen ins Land und die Zeiger auf unserem Zifferblatt standen mit stoischer Ruhe unverrückbar fest auf ihrer Position. Unbeeinflusst durch den Lauf der Zeit, Sturm, Schnee und Wind und durch die Geschehnisse, die diese Zeit veränderten.

Aber irgendwie stellte dieses reglose Zeigerpaar doch eine ständige Mahnung dar. Bei jedem Blick nach oben zum Siloturm signalisierte es: „Nun macht doch etwas!“. Und als die ständige Mahnung lästig wurde, sagten wir: „Na gut!“ Über das Internet wurde eine Hauptuhr gefunden, die aus Thüringen den Weg nach Vollbüttel fand. Auf dem gleichen Wege wurden ein Antriebsmotor und ein Zeigergetriebe entdeckt. Natürlich war alles recht betagt, aber wenn so ein Getriebe über hundert Jahre seinen Dienst getan hat, warum sollte es dann nicht weiterhin funktionieren?

Wiederum wurde getüftelt und geschraubt, entworfen, verworfen und verbessert, bis Getriebe und Motor einbaufertig auf der Konsole standen. Dann galt es, zwei unterschiedliche Hohlwellen miteinander zu verbinden. Auch dafür wurde eine Lösung gefunden. Als dann auch noch die elektrische Ansteuerung konstruiert war und eine passende Kurvenscheibe dazu neu angefertigt war, kam der große Moment. Die Uhr ging in Betrieb und lief sogar relativ genau. Und das macht sie seitdem mit der uhrentypischen Gelassenheit. Es kann aber wohl noch etwas dauern, bis die Vollbütteler Bürger es tatsächlich bemerken. So ist das eben, wenn sich etwas ändert, das sich still und leise vollzieht und nicht sofort ins Auge fällt.

 

Ein kleiner Nachsatz sollte hier aber nicht fehlen. Im Titel steht: „Wie Vollbüttel wieder zu einer Turmuhr kam.“ Tatsächlich war in Vollbüttel schon einmal eine kleine Turmuhr in Betrieb. Sie befindet sich noch immer am Glockenturm des ehemaligen Schulgebäudes und zeigte zu ihrer Zeit den Erwachsenen und den Kindern, „was die Stunde geschlagen hatte“. Diese kleine Uhr steht seit langer Zeit still, und auch die Glocke ist schon lange verstummt. Aber wer weiß, vielleicht nimmt sie sich ein Beispiel an ihrer neuen Nachfolgerin und tritt eines Tages im fröhlichen Wettstreit an, sich mit ihr zu messen. Man sollte nie „Nie“ sagen.

Peter Schade-Didschies

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